Judith Schalansky – Der Hals der Giraffe

giraffe „Hart sein. Konsequent sein. Keine Ausnahmen. Keine Lieblinge.“ Das ist die Devise, nach der Inge Lohmark mit Überzeugung seit mehr als 30 Jahren als Biologie- und Sportlehrerin an einem Gymnasium in Vorpommern unterrichtet.

In der Schule hat Inge Lohmark ihren Platz erkämpft, hier kontrolliert sie das Geschehen. Anders sieht es in ihrem Privatleben aus, ihr Familienleben ist geprägt von Abwesenheiten.

Misanthropisch, aber mit einer beinahe zärtlichen Zuneigung für Flora und Fauna blickt sie auf die Welt, die sie szientistisch seziert und kategorisiert.

Der Mensch ist für sie nicht mehr als ein sprechendes Tier, Schüler sind natürliche Feinde, Mutterliebe ist ein Hormon, Kreativität und Gott sind Hirngespinste und Liebe ist  „ein wasserdichtes Alibi für kranke Symbiosen“.

Ihre positivistische Weltanschauung prallt auf eine feindliche soziale Realität, in der die Gerechtigkeit der Natur unterlaufen wird.

„Der Hals der Giraffe“ ist ein Desillusionsroman, der  drei Tage im Leben einer Lehrerin zeigt, die von ihrem festen Standpunkt abrücken muss. Im Untertitel wird das Buch als Bildungsroman bezeichnet, was als Wortspiel aufgefasst werden kann. Judith Schalansky spielt mit den verschiedenen Bedeutungen des Begriffs „Bildung. Zum einen erhält der Leser durch zahlreiche informative Exkurse und hochwertige Bebilderung Einblicke in das Fachgebiet der Biologie. Zum anderen spielt die Geschichte in der Schule, der Institution des Bildungswesens, die Protagonistin ist eine Lehrerin. Außerdem vollzieht sich eine Entwicklung im Leben von Inge Lohmark, sie steht an einem Wendepunkt, ihr Weltbild gerät ins Wanken, sie entwickelt sich weiter.

Dieser Roman ist ein besonderes Lesevergnügen, das informativ, anregend und dazu unterhaltsam ist. Die bibliophile Gestaltung des Romans ist äußert gelungen.

(gelesen von Anna Katharina Vogel)

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